Bericht


„Zuschauen ist keine Option“ – Die Lehren aus dem Holocaust 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz

Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 – seit 2005 auch Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust – organisierte die Bildungsinternationale mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Konferenz in Krakau. Zu den Teilnehmenden zählten Vertreter_innen der Bildungsgewerkschaften Histadrut Hamorim (Israel), NSZZ „Solidarność“ und ZNP (Polen), GÖD (Österreich) sowie VEB und GEW (Deutschland), die bereits seit 2008 gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung Seminare zum Thema „Holocaust in der Bildung“ organisieren. Darüber hinaus nahmen an der diesjährigen Konferenz bildungsgewerkschaftlichte Delegationen aus aller Welt teil, darunter Gewerkschafter_innen aus den USA, Frankreich, Ungarn, Großbritannien, der Slowakei, Schweden, Griechenland und Zypern.

Krakau. Nachdem die Delegationen am 27. Januar 2015 an der offiziellen Gedenkveranstaltung auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau teilgenommen hatten, widmeten sich die Teilnehmenden am Folgetag dem Thema „Holocaust in der Bildung“. Unter dem Titel „Unvorstellbar“ diskutierten rund achtzig Gewerkschafter_innen über die Herausforderungen für Lehrende und Lernende siebzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz.

Zu Beginn der Konferenz unterstrich Fred van Leeuwen, Generalsekretär der Bildungsinternationalen, die Bedeutung des Holocaust für die gegenwärtigen Herausforderungen demokratischer Gesellschaften. „Demokratische Freiheiten sind keine Selbstverständlichkeit“, so van Leeuwen. Die Frage sei auch nicht, ob Pädagog_innen hier Verantwortung trügen. Dies sei zweifelsohne der Fall. Stattdessen stelle sich die Frage, wie die beruflichen Rahmenbedingungen gestaltet sein müssen, um diese Aufgabe bewältigen zu können. „Unsere Bildungsdebatte befasst sich ausschließlich mit hard und soft skills, mit dem Ziel, unsere Ökonomien am Laufen zu halten. Wie wir unsere Gesellschaften am Laufen halten sollen, ist hingegen zweitrangig geworden“, merkte er kritisch an.

Auch Ewa Dudek, Unterstaatssekretärin des polnischen Bildungsministeriums, betonte die Bedeutung des Holocaust im Kontext demokratischer und bürgerlicher Freiheiten. „Jeder Mensch“, so Dudek, „hat das Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit.“ Dies sei die Grundlage einer jeden Gesellschaft, die auf Pluralismus und der Achtung der Menschenrechte aufruht. Diese Werte den aktuellen Gegebenheiten anzupassen und immer wieder aufs Neue zu vermitteln, sei eine ständige Herausforderung. „Die Schule spielt hierbei eine zentrale Rolle“, so Dudek.


Daran anschließend gab Joseph Wasserman, Generalsekretär von Histadrut Hamorim, eine Einführung in die bisherige Zusammenarbeit der israelischen, polnischen, österreichischen und deutschen Bildungsgewerkschaften zum Thema „Holocaust in der Bildung“. Dabei sei Wasserman zufolge die Erfahrung des Holocaust konstitutiv für die heutige nationale Identität Israels: „Wir sind die Vertreter_innen einer Nation, deren Mitglieder in großer Zahl vernichtet worden sind. Gleichzeitig leben wir in einem kleinen Land namens Israel, das sich bis heute mit seinen Nachbarn im Krieg befindet. Als Pädagog_innen stehen wir daher vor der Herausforderung, unseren Schüler_innen Werte wie Frieden, Solidarität und Liebe zu vermitteln.“ Dies sei die Botschaft der Überlebenden der Schoah, die auch angesichts der heutigen Herausforderungen weiterhin relevant sei.

Im Folgenden stellten die Vorsitzenden der Bildungsgewerkschaften Histadrut Hamorim (Israel), NSZZ „Solidarność“ und ZNP (Polen), GÖD (Österreich) sowie VEB und GEW (Deutschland) das gemeinsame Projekt zum Thema „Holocaust in der Bildung“ vor. Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe betonte, dass die Erinnerung nicht mit dem Tod der Opfer und Täter enden dürfe. „Wir möchten dieses Projekt immer wieder nutzen, mit Israelis und Polen darüber zu sprechen, wie eine Wiederholung von Auschwitz verhindert werden kann“, so Tepe.


„Auschwitz steht am Ende des Holocaust, nicht an seinem Anfang“

Auschwitz und der Holocaust standen auch im Mittelpunkt der Rede von Timothy Snyder, Historiker und Professor an der Yale University in den Vereinigten Staaten. Um Auschwitz zu verstehen, sei es Snyder zufolge elementar, zunächst einmal den Holocaust zu begreifen. „Auschwitz ist Teil eines größeren Ganzen und steht am Ende des Holocaust, nicht an seinem Anfang“, so der Historiker. Auschwitz sei vielmehr Teil mehrerer Erzählstränge. In der Folge definierte der Historiker diese Erzählstränge als insgesamt fünf Wege die für das Verständnis von Auschwitz und dem Holocaust nötig seien. Diese fünf Wege nach Auschwitz zeigten, dass der Holocaust ein Ereignis ist, bei dessen Analyse neben den beteiligten Akteuren stets auch der historische Kontext zu berücksichtigen sei. Ein erster Weg nach Auschwitz sei eine rassistische Weltanschauung, wie sie Hitler in „Mein Kampf“ formuliert habe. Dieser Ideologie zufolge sei die Natur ein fortwährender Kampf verschiedener Rassen. Die Juden würden in diesem Zusammenhang jedoch nicht als Rasse, sondern als etwas Außernatürliches betrachtet, da sie den Gedanken der Ethik in den als Kampf skizzierten Naturzustand eingebracht hätten. Dies erlaubte es der Hitlerschen Ideologie, auf den ersten Blick untereinander widersprüchliche Phänomene wie Christentum, Kommunismus und Kapitalismus als von den Juden in die Welt gebrachtes Unheil zu interpretieren, da sie eines gemeinsam haben: sie erlauben, von der Kategorie der Rasse abzusehen und seien dementsprechend widernatürlich. In der Konsequenz sei die Vernichtung der Juden die einzige Möglichkeit, zum natürlichen Zustand des Rassenkampfes zurückzukehren.

Als zweiten Weg nach Auschwitz nannte Snyder das System der deutschen Konzentrationslager, in welches auch das KZ Auschwitz zunächst integriert war. Im Gegensatz etwa zu Treblinka, das von Anfang an als Tötungseinrichtung (killing facility) konzipiert war, fungierte Auschwitz zunächst als Internierungs- und Arbeitslager für meist polnische Regimegegner. Zu Beginn war das KZ also nicht primär für die Vernichtung vorgesehen und zielte zunächst auch nicht primär auf Juden als Häftlinge. Stattdessen diente es nach dem deutschen Überfall auf Polen zuerst als Straflager für polnische Widerstandskämpfer und Oppositionelle, später, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, auch als Lager für sowjetische Kriegsgefangene. Dies änderte sich 1941/42 mit der Errichtung des

Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Zuvor spielte Auschwitz – wie auch andere deutsche KZs im System der deutschen Konzentrationslager – die Rolle einer Institution, die

außerhalb des Gesetzes stand und in der mit der dort herrschenden Gesetzlosigkeit experimentiert wurde.

Der dritte Weg nach Auschwitz betrifft insbesondere die polnische Erfahrung. Das Stammlager Auschwitz I wurde in einer ehemaligen polnischen Kaserne untergebracht. Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 änderte sich auch die Funktion von Auschwitz: aus der polnischen Militärkaserne wurde ein deutsches Konzentrationslager, das zunächst als Straflager für polnische Widerstandskämpfer und Oppositionelle diente. In diesem Zusammenhang betont Snyder, dass der Krieg Deutschlands gegen Polen „kein konventioneller Krieg war, sondern ein Vernichtungskrieg“, dessen Ziel nicht nur die vollständige Zerstörung des polnischen Staates gewesen sei, sondern auch die Vernichtung derjenigen Kräfte, die in der Lage sind, einen Staat neu aufzubauen.

Als vierten Weg nach Auschwitz benannte Snyder die spezifische sowjetische Erfahrung. Insgesamt kamen im Verlauf des Zweiten Weltkriegs über drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener um, mehrere Tausend davon in Auschwitz. Sie gehörten zu den ersten Opfern, die 1941 mit Hilfe des Schädlingsbekämpfungsmittels Zyklon B vergast wurden. Zur gleichen Zeit fand der deutsche Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion statt. Auch hier war das Ziel, die Fähigkeit der sowjetischen Gesellschaft, ein Staatswesen zu errichten (state-building capacity), dauerhaft zu zerstören. Vor allem die jüdische Bevölkerung geriet dabei ins Visier der deutschen „Einsatzgruppen“. Aus Snyders Sicht sind diese beiden Entwicklungen zentral für das Verständnis des Holocaust: „Vorher gab es sicherlich die Idee, die Juden loszuwerden, aber es gab keinen Plan.“ Was die Deutschen laut Snyder 1941 lernten, war, dass es prinzipiell möglich ist, alle Juden zu ermorden. Möglich wurde dies nicht zuletzt durch die breite Kooperation mit den Einsatzgruppen seitens der deutschen Polizei, der Wehrmacht aber auch der lokalen Bevölkerung in den von Deutschland besetzten Gebieten. Dies sei Snyder zufolge der „entscheidende Moment“, in dem sich Deutschland dazu entschlossen habe, die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ durch Ermordung aller Juden planmäßig zu verfolgen.

Schließlich identifizierte Snyder einen fünften, nämlich den europäischen Weg nach Auschwitz. Die Holocaust-Geschichtsschreibung, so Snyder, sei bis heute westeuropäisch geprägt. Dies habe vor allem zwei Gründe: zum einen war es in Westeuropa während des Kalten Krieges eher möglich, sich mit dem Thema „Holocaust“ auseinanderzusetzen als in Osteuropa. Zum anderen gab es in Westeuropa im Vergleich zu Europas Osten mehr Holocaust-Überlebende, die von ihren Erfahrungen berichten konnten. Prinzipiell unterschieden sich die Überlebenschancen in Abhängigkeit von dem Land, in dem die Juden lebten und der Staatsbürgerschaft, die sie hatten. So zeigte Snyder am Beispiel Dänemarks, dass die dänische Regierung ihre jüdischen Bürger zum Großteil retten konnte, gleichzeitig jedoch nicht-dänische Juden abwies. Bevor die Juden verschiedener Staaten Europas im Rahmen des Holocaust ermordet wurden, entzog man ihnen zunächst die Staatsbürgerschaft und „trennte sie von ihrem Staat“, so Snyder. Das Überleben der Juden Europas hing damit vielfach vom Grad der Souveränität ab, die sich ein Staat im vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Europa erhalten konnte und auf deren Grundlage er große Teile seiner jüdischen Bürger_innen zu schützen konnte.

Abschließend unterstrich Snyder, dass es auch einen Weg von Auschwitz in die Zukunft gebe und man aus der Erfahrung des Holocaust praktische Lehren für die Gegenwart ziehen könne. „Wenn wir in ‚Mein Kampf‘ lesen, dass sich normale Menschen nicht ethisch verhalten, zeigt uns das, wie wichtig Ethik ist“, so der Historiker. „Auch sollte es uns nachdenklich stimmen, wenn Staaten ‚Zonen der Gesetzlosigkeit‘ errichten, wie es etwa in Guantanamo, aber in gewisser Hinsicht auch im Donbas geschieht.“ Schließlich mache uns die Erfahrung des Holocaust die Bedeutung staatlicher Institutionen deutlich, denn im Rahmen des Holocaust brach auch das europäische Staatensystem zusammen. Einige Staaten machten den Anfang und gaben ihre jüdischen Bürger preis, was in der Regel deren Ermordung zur Folge hatte. Andere Staaten taten es ihnen gleich. Daraus entwickelte sich eine Dynamik, die ab einem gewissen Punkt nicht mehr rückgängig zu machen gewesen und fortan unaufhaltsam vorangeschritten sei. „Unser heutiges System in Europa“, stellte Snyder klar, „ist zweifelsohne besser, aber es kann dennoch zu Fall kommen.“

Daher müssten wir uns bewusst sein, dass das scheinbar Unvorstellbare stets im Bereich des Möglichen liege.

Der Umgang mit dem Holocaust in der Schule

Das darauf folgende erste Panel widmete sich der Frage, wie die Erfahrung Holocaust heute, siebzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, den Schüler_innen vermittelt werden könne. Dabei interessierte sich die Moderatorin Marzanna Pogorzelska von der Universität Opole insbesondere für die Herausforderungen, denen sich das Thema „Holocaust in der Bildung“ in verschiedenen Ländern gegenüber sieht.

Für Kerstin Ruthen-schröer, Bundessprecherin des VBE, steht die frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust in der Schule im Vordergrund. „Wir könnten bereits in der Grundschule beginnen, uns dem Thema zu nähern. Die Kinder sind dann meist noch unvoreingenommen und rasch in der Lage, Empathie zu entwickeln“, so Ruthenschröer. Deshalb sei es wichtig, die Pädagog_innen zu ermutigen, sich mit dem Thema zu befassen. Ihre Kollegin Katharina Kaminski von der GEW betonte zudem ihr Anliegen, Schüler_innen mit Migrationshintergrund zu erreichen. „Hier ist kultursensibles Erinnern gefragt“, so Kaminski, „denn erst wenn die Schülerinnen und Schüler lernen, ihre eigene Geschichte wahrzunehmen, werden sie in der Lage sein, die Geschichte anderer zu respektieren.“ Auch Maria Rönn vom schwedischen Lehrerverband (Lärarförbundet) stimmte mit ihren Vorrednerinnen darin überein, dass man die Schüler_innen beim Umgang mit dem Holocaust auch emotional berühren und eine Verbindung zu bürgerlichen Grundwerten herstellen solle. „Es ist wichtig, dass wir einen Bezug zwischen der Geschichte und dem Hier und Jetzt herstellen“, so Rönn. Durch das Internet hätten die Schüler_innen mittlerweile Zugang zu einer riesigen Bandbreite von Informationen über den Holocaust, auch solchen, die den Holocaust verharmlosten oder gar leugneten. Daher sei es wichtig, die Schüler_innen im kritischen Umgang mit solchen Informationen zu üben und für die Gefahren rechtsextremistischer und antisemitischer Propaganda zu sensibilisieren. Daran anschließend zeigte Adam Musiał, Lehrer am Juliusz-Słowacki-Gymnasium in Krakau, Möglichkeiten auf, Schüler_innen das Thema Holocaust nahe zu bringen. Dabei plädierte Musiał dafür, die Geschichte der eigenen Stadt zu nutzen, um auf diese Weise die Geschichte der europäischen Juden und des Holocaust zu lehren. „Wir sollten jede Möglichkeit nutzen, einen persönlichen Bezug zur Geschichte herzustellen“, so Musiał. In Bezug auf Polen unterstrich er zudem die Notwendigkeit, die Geschichte der jüdischen Polen wieder stärker in die gesamtpolnische Geschichte zu integrieren. Hier habe nach dem Zweiten Weltkrieg ein Homogenisierungsprozess stattgefunden, der das „Polnisch-Sein“ auf ethnische Herkunft und religiöse Zugehörigkeit zum Katholizismus beschränkt habe.

Erinnerung und Verantwortung dürfen niemals enden

Das zweite Panel der Konferenz befasste sich mit der Frage nach den Lehren, die heute, siebzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz aus dem Holocaust gezogen werden können. Roland Feicht, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Polen, der die Diskussion moderierte, hob vor allem die Heterogenität der Perspektiven auf den Holocaust hervor, welche sich nicht zuletzt aus dem persönlichen Zugang zu dem Thema ergäben. Randi Weingarten, Vorsitzende der American Federation of Teachers, erklärte, dass ihre jüdische Herkunft und der Verlust vieler Verwandter durch den Holocaust dazu geführt haben, dass sie sich früh mit dem Thema zu beschäftigen begann. „In meinen jungen Jahren habe ich alles zu dem Thema gelesen, was ich finden konnte, aber nichts konnte mich auf den Gang durch Auschwitz vorbereiten. Gestern wurde mir noch einmal klar, dass ‚niemals vergessen‘ bedeutet, Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit weltweit zu bekämpfen“, so Weingarten. Für den aus der Nähe von Oświęcim (dt.: Auschwitz) stammenden Direktor des Internationalen Bildungszentrums über Auschwitz und den Holocaust, Andrzej Kacorzyk, ist Auschwitz „einer der wichtigsten Orte Europas, vielleicht sogar der Welt“. Seine Arbeit mit dem Thema Holocaust haben vor allem ehemalige Lagerinsassen geprägt, die sich für die Arbeit der Gedenkstätte engagieren. „Es ist in erster Linie ihr Verdienst, dass wir heute ein so detailliertes Wissen über Auschwitz besitzen“, so Kacorzyk. Auf eine ganz andere Weise kam Avraham Rocheli von Histadrut Hamorim mit dem Thema Holocaust in Berührung. Er arbeitete als junger Hebräisch-Lehrer in israelischen Kibbuzen und unterrichtete Kinder aus Familien, die infolge des Holocaust Europa in Richtung Israel verlassen hatten. „Gegenüber den Neuankömmlingen verhielten sich die einheimischen Kinder nicht immer korrekt“, berichtete Rocheli, „und langsam aber sicher entwickelte ich mich zu einem Anwalt der Einwanderer.“ Für Dietmar Nietan, Bundestagsabgeordneter und Mitvorsitzender der Internationalen Jugendbegegungsstätte in Auschwitz, ist das Thema Holocaust ein wichtiger Teil der eigenen politischen Sozialisation. „Willy Brandt und sein Kniefall haben mich gelehrt, dass man Verantwortung für die eigene Geschichte übernehmen muss“, erklärte Nietan. „Dieses Vermächtnis möchte ich weitertragen. Unsere Erinnerung an die Schoah und die Verantwortung dafür darf niemals enden.“
In der zweiten Fragerunde wollte Roland Feicht erfahren, wie sich der Umgang mit dem Thema Holocaust in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt habe. In Bezug auf Israel kritisierte Rocheli, dass der Begriff ‚Holocaust‘ vermehrt außerhalb des engen historischen Kontexts gebraucht und zur Beschreibung anderer Phänomene herangezogen werde. Auf diese Weise werde der Begriff zweier Aspekte entledigt, die Rocheli nach wie vor als zentral ansieht: „Der Holocaust war ein einzigartiges Ereignis mit universaler Geltung“. Randi Weingarten sieht vor allem die sich wandelnden Bildungsziele als Herausforderungen beim Umgang mit der Schoah in der Schule. „Der Fokus liegt heute fast ausschließlich auf sogenanntes skill building“, so Weingarten. Andere Ziele wie Respekt, Pluralismus und demokratische Grundwerte gerieten demgegenüber ins Hintertreffen. „Das Ergebnis sehen wir tagtäglich in den sozialen Netzwerken, die von einem Mangel an Respekt und Dialogkultur geprägt sind.“ Mit Blick auf Deutschland stellte Dietmar Nietan fest, dass man dort mittlerweile einen „vernünftigen und aufrichtigen Umgang mit der eigenen Geschichte“ pflege, was einzelne Rückschläge freilich nicht ausschließe. Eine aktuelle Herausforderung sei es, Deutsche mit Migrationshintergrund noch besser zu integrieren. Dies bedeute auch, gemeinsam Verantwortung für die deutsche Geschichte zu übernehmen. „Wir müssen unseren Kindern beibringen, dass der Holocaust einen jeden deutschen Staatsbürger verpflichtet, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen“, so Nietan. Auch die anderen Panelist_innen stimmten mit Nietan darin überein, dass die Übernahme von Verantwortung ein elementarer Bestandteil der Bildung sein müsse. „Wir müssen den Kindern beibringen, dass die bloße Zuschauerrolle keine Option ist“, so Weingarten.

Am Ende der Konferenz verwies Sławomir Broniarz, Vorsitzender des Verbands der Polnischen Lehrerschaft (ZNP), noch einmal auf die Aufgabe, die sich die Bildungsgewerkschaften aus Israel, Polen und Deutschland seit 2008 in Auschwitz und Krakau stellen. „Wir wollen natürlich auch weiterhin über die Unterschiede sprechen, die in der Lehre und der Erinnerung bestehen. Unterschiede zwischen unseren Ländern, aber auch zwischen Generationen“, so Broniarz. Diese Bereitschaft zum ständigen Dialog über die Geschichte bilde für ihn die Grundlage dieser Zusammenarbeit. „Wir kommen mit Juden und Deutschen zusammen, damit die Geschichte nicht durch Feierlichkeiten ersetzt werde. Dies ist der Sinn dieses Projekts“, erklärte Broniarz.


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